Shah-i-Zinda in Samarkand: Nekropole der Mausoleen
Shah-i-Zinda ist eine schmale Gasse, von beiden Seiten von Mausoleen in blauen und türkisen Kacheln eingerahmt. Ich kam eine Stunde vor Sonnenuntergang und blieb, bis es dunkel wurde. Zuerst leuchten die Kacheln im Abendlicht, dann geht die Beleuchtung an – ihretwegen kommen viele extra am Abend hierher.

Über die Nekropole Shah-i-Zinda – der „lebende König“ von Samarkand
Shah-i-Zinda bedeutet übersetzt „lebender König“. Der Name geht auf eine Legende um Kusam ibn Abbas zurück – einen Cousin des Propheten Mohammed, der im 7. Jahrhundert nach Samarkand kam, um den Islam zu verbreiten. Der Überlieferung nach wurde ihm bei einem Überfall der Kopf abgeschlagen, doch er nahm ihn in die Hand und stieg in einen tiefen Brunnen hinab, in dem er bis heute lebt. Daher der „lebende König“.
Die Nekropole ist ein Friedhof, aber ganz anders, als wir es gewohnt sind. Entlang der schmalen Gasse reihen sich die Mausoleen (Grabstätten) von Adligen und Verwandten Tamerlans – jenem Eroberer des 14. Jahrhunderts, der Samarkand zur Hauptstadt seines Reiches machte. Der Komplex ist über fast achthundert Jahre gewachsen: Die frühesten Bauten stammen aus dem 11. Jahrhundert, der Hauptteil aus dem 14. und 15., und ein Teil des Eingangsbereichs wurde erst im 19. Jahrhundert vollendet. Heute stehen hier mehr als zwanzig Bauwerke, aufgeteilt in drei Gruppen – eine untere, eine mittlere und eine obere –, die durch Bogengänge miteinander verbunden sind.
Über Shah-i-Zinda heißt es oft, hier fänden sich einige der schönsten Kacheln der gesamten islamischen Welt. Nachprüfen wollte ich das nicht, aber vor der Mosaikwand blieb ich deutlich länger stehen, als ich vorhatte.
Die Treppe mit 40 Stufen
Der Aufstieg zu den Mausoleen beginnt mit einer Treppe. Sie hat 40 Stufen, und mit ihnen ist ein lokaler Brauch verbunden. Man wünscht sich etwas, zählt die Stufen auf dem Weg nach oben und zählt sie auf dem Rückweg noch einmal. Kommt beide Male dieselbe Zahl heraus, soll der Wunsch in Erfüllung gehen. Klingt nach einem Spiel, sieht aber rührend aus: Die Leute steigen tatsächlich hinauf und bewegen die Lippen, während sie sich immer wieder verzählen.

Die Hazrat-Khizr-Moschee und das erste Gebäude hinter der Treppe
Am Eingang, noch vor dem Aufstieg, steht die Hazrat-Khizr-Moschee – mit einem hohen Kachelportal, das mit kufischer Schrift überzogen ist. Hazrat Khizr ist ein Heiliger, der der Legende nach Kusam ibn Abbas rettete, indem er ihm das Wasser der Unsterblichkeit gab. Von der Anhöhe an der Moschee sieht man bereits die türkisen Kuppeln des Komplexes.


Die Hazrat-Khizr-Moschee am Eingang des Komplexes

Oben angekommen, tritt man vor ein Gebäude mit einem geschnitzten hölzernen Aiwan (einer offenen, von Säulen getragenen Terrasse) und einer gerippten Kuppel. Es wirkt heller und leichter als die mit Majolika verkleideten Mausoleen ringsum.


Gleich hinter der Treppe: hölzerner Aiwan und türkise Kuppel
Im Inneren gibt es zwei Säle. Der eine ist hell, mit weiß getünchten Wänden und filigranen Gittern an den Fenstern. Der andere ist von einer Kuppel mit einem wabenförmigen Muqarnas-Gewölbe überspannt, und das Licht fällt in schmalen Strahlen darunter.


Innen gibt es zwei Säle – einen hellen mit Gittern und einen mit Kuppel

Die Straße der Mausoleen
Dahinter beginnt das, wofür man eigentlich hierherkommt. Ein schmaler Durchgang, und zu beiden Seiten die Portale der Mausoleen, dicht an dicht gestellt, Portal an Portal. Direkt am Eingang kommt man kaum durch: Reisegruppen stehen dicht gedrängt und fotografieren alle dasselbe, sodass man manchmal einfach wartet, bis der Weg frei wird. Jedes Mausoleum wurde für eine bestimmte Person errichtet – hier sind Schwestern, Nichten und Vertraute Tamerlans bestattet. Die Mausoleen von Shirin-Bika-Aka (Tamerlans Schwester) und Turkan-Aka (seiner Nichte) etwa stehen einander direkt gegenüber.

Nach etwa zehn Minuten ertappte ich mich dabei, dass ich die Mausoleen nicht mehr auseinanderhalten konnte – alle verschmolzen zu einer einzigen blauen Masse. Und dann fiel mir plötzlich auf: Zwei gleiche Portale gibt es hier gar nicht. Die Meister arbeiteten zu verschiedenen Zeiten und schienen miteinander zu wetteifern – mal überwiegt das Türkis, mal geht es ins Dunkelblau, mal ins Grün.


Grüne Majolika. Das Gewölbe aus Muqarnas-Waben
Die ganze Gasse ist in fünf Minuten abgelaufen. Aber besser nicht hetzen: Es lohnt sich, in jede Öffnung zu schauen, denn hinter vielen Portalen tun sich noch weitere Höfe und Wände auf.


Zwischen den Mausoleen zwängt sich der Durchgang gerade so hindurch


Hinter dem Bogen das nächste Portal
Nicht alle Bauten hier sind mit Kacheln verkleidet. Es gibt auch schlichte Backsteinmausoleen – geschlossene Wände, eine bescheidene Tür, oben eine Kuppel. Neben ihren gekachelten Nachbarn wirken sie fast asketisch.


Links ein Backsteinmausoleum, rechts eine gerippte Kuppel
Kacheln, die sechshundert Jahre alt sind
Tritt man ganz nah an die Wand heran, wird sichtbar, woraus das alles zusammengesetzt ist. Feines Keramikmosaik, reliefartige Schnitzereien in der Glasur, Inschriften in arabischer Schrift – und all das von Hand verlegt, Kachel für Kachel. Majolika sind Tonkacheln, die mit farbiger Glasur überzogen und gebrannt werden; sie geben dieses Blau, das über Jahrhunderte nicht verblasst.



Das Ornament ist aus einzelnen Glasurstückchen zusammengesetzt
Ein Kapitel für sich sind die geschnitzten Holztüren. Sie tragen dieselbe dichte Schnitzerei wie die Wände, und stellenweise haben sich alte Türringe erhalten. Die Türen sind mit der Zeit nachgedunkelt, doch das Muster ist bis heute erkennbar.


Holzschnitzerei, von Hand gefertigt


Ein alter Türring

Im Inneren der Mausoleen und der Komplex des Kusam ibn Abbas
In einige der Bauten kann man hineingehen. Von außen erwartet man dieselben Kacheln, doch innen empfängt einen Gold. Die Kuppeln sind mit feinem, vergoldetem Muster bemalt, und im Halbdunkel leuchten sie. Die Technik der Reliefmalerei mit Gold nennt man Kundal.


Die Kuppeln sind mit Gold bemalt



Dieselben Muqarnas, nur in Gold

Der nordöstliche Teil des Komplexes ist der älteste und der am meisten verehrte. Es ist das Maschhad des Kusam ibn Abbas – ein Gedächtniskomplex aus mehreren miteinander verbundenen Räumen, darunter ein Gebetssaal, die Siyaratchana. Genau hierher pilgerten über Jahrhunderte die Gläubigen, und genau hier lebt der Legende nach der „lebende König“. Drinnen ist es still, jemand betet – und mit der Kamera in der Hand fühlt man sich ein wenig fehl am Platz.


Das Licht kommt nur durch die Gitter an den Fenstern
Hier steht ein mit Kacheln verkleidetes Grabmal, auf dem Suren des Korans in Gold ausgeführt sind. Es ist nicht das Grab selbst: Die Bestattung liegt tiefer, unter dem Boden, und das Grabmal wurde als Gedenkzeichen darübergesetzt.

Das größte Gebäude, das man tatsächlich betreten kann, ist die Siyaratchana des Kusam, der Saal für die Pilger. Es ist der älteste Teil der Nekropole: Die ersten Bauten an dieser Stelle entstanden schon im 11. Jahrhundert, sein heutiges Aussehen erhielt der Saal unter Tamerlan im 14. und 15. Jahrhundert. Der untere Teil der Wände ist mit blauen sechseckigen Kacheln aus dem 15. Jahrhundert ausgelegt, darüber schließt sich die bemalte Kuppel an, und in der Mitte hängt ein Kronleuchter – der wurde erst später hinzugefügt. In der Wand befindet sich der Mihrab, eine Nische, die die Richtung nach Mekka anzeigt.



Die Siyaratchana – der Saal, den die Pilger betreten

Shah-i-Zinda bei Sonnenuntergang und am Abend
Tagsüber ist es hier voll und heiß: In der Gasse gibt es kaum Schatten, und ununterbrochen zieht ein Strom von Touristen vorbei. Bleibt man aber bis zum Sonnenuntergang, werden es weniger Menschen, das Licht wird wärmer, und die Backsteinwände füllen sich mit einem goldenen Ton. Das ist wohl die beste Zeit für einen Spaziergang.


Zum Sonnenuntergang sind weniger Menschen da

Wenn es endgültig dunkel wird, geht die Beleuchtung an, und die Gasse verwandelt sich: Die Portale leuchten von unten, die blauen Kacheln verschwinden im Dunkel, und aus den Öffnungen der Mausoleen strömt warmes Licht. Viele kommen genau wegen dieser Beleuchtung.


Die Fassaden in der abendlichen Beleuchtung


Der Himmel ist noch blau, die Lichter brennen schon



Das Licht kommt von unten



In der Tiefe die Kuppel des nächsten Mausoleums


Bei der Beleuchtung ist das Relief besser zu sehen als tagsüber


Auch am Abend kommen sie – wegen der Beleuchtung
Praktische Informationen
- Adresse: Shohizinda-Straße (Shohizinda ko’chasi), Samarkand
- GPS: 39.6625, 66.9884
- Öffnungszeiten: 08:00–19:00 Uhr (April–Oktober), 09:00–17:00 Uhr (November–März)
- Eintritt: etwa 50.000 Som (~4 $ / ~3,70 €) für Erwachsene
- Zeit einplanen: 1–1,5 Stunden tagsüber; wer den Sonnenuntergang und die Beleuchtung erleben möchte, kommt eine bis anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang
- Visum: EU-Bürger (auch aus Deutschland und Österreich) können Usbekistan bis zu 30 Tage visumfrei besuchen
- In der Nähe: der Siab-Basar und die Bibi-Khanym-Moschee – 10–15 Minuten zu Fuß
Anreise
Shah-i-Zinda liegt im Nordosten von Samarkand, am Rand der antiken Stadtwüstung Afrasiab. Die Anreise ist unkompliziert:
- Zu Fuß vom Siab-Basar: 10–15 Minuten. Gut zu kombinieren: erst der Basar und die Bibi-Khanym-Moschee, dann Shah-i-Zinda
- Mit dem Taxi: innerhalb der Stadt über die App Yandex Go – meist 10.000–20.000 Som (~1–1,7 $) vom Zentrum aus
- Mit der Straßenbahn: Samarkand hat eine Straßenbahn, die unweit des Komplexes verläuft; fragen Sie den Fahrer nach der Haltestelle
Und wie kommt man überhaupt nach Samarkand? Aus Frankfurt oder München geht es meist über Istanbul (Turkish Airlines) oder über Tashkent. Von Tashkent bringt einen der Hochgeschwindigkeitszug Afrosiyob in rund zwei Stunden bequem nach Samarkand – eine schöne Fahrt durch die Landschaft. Samarkand selbst hat außerdem einen eigenen Flughafen (SKD), sodass sich für manche Verbindungen auch ein Direktflug lohnt. Samarkand war schon immer eine der Schlüsselstädte der Seidenstraße, und das merkt man der Stadt bis heute an.
Der Som ist die Landeswährung (usbekischer Som). Der Kurs liegt bei etwa 12.500 Som pro 1 $ (Stand Sommer 2026). Bargeld hebt man bequem am Geldautomaten ab oder wechselt es in einer Wechselstube – Kartenzahlung wird nicht überall akzeptiert.
Tipps
- Kommen Sie entweder zur Öffnung oder zum Sonnenuntergang. Tagsüber, besonders am Mittag, sammeln sich am Eingang die Reisegruppen. Morgens und abends ist es ruhiger.
- Planen Sie Zeit für die Beleuchtung ein. Wer bis zur Dunkelheit bleibt, sieht den Komplex zweimal auf ganz unterschiedliche Weise – das lohnt sich.
- Kleiden Sie sich zurückhaltend. Dies ist ein aktiver Pilgerort. Schultern und Knie bedeckt man besser; Frauen hilft ein leichtes Tuch.
- Verbinden Sie den Besuch mit den Nachbarorten. Der Siab-Basar und die Bibi-Khanym-Moschee sind fußläufig erreichbar, es bietet sich an, alles in eine Route zu legen.
- Nehmen Sie Wasser mit. In der Gasse der Mausoleen gibt es kaum Schatten, und im Sommer ist es in Samarkand heiß.
FAQ
Aus Deutschland fliegt man meist über Istanbul (zum Beispiel mit Turkish Airlines) oder über Tashkent. Von Tashkent bringt einen der Hochgeschwindigkeitszug Afrosiyob in etwa zwei Stunden nach Samarkand. Alternativ hat Samarkand mit dem Flughafen SKD auch einen eigenen Airport.
Der Komplex liegt im Nordosten von Samarkand, 10–15 Minuten zu Fuß vom Siab-Basar. Vom Stadtzentrum aus fährt man bequem per Taxi über die App Yandex Go für 10.000–20.000 Som. Es gibt auch eine Straßenbahn, die in der Nähe verläuft.
Das Ticket für Erwachsene kostet etwa 50.000 Som – ungefähr 4 $ oder 3,70 €. Die Preise können sich ändern, aber das ist ein Richtwert für 2026.
Am frühen Morgen zur Öffnung um 8:00 Uhr oder gegen Sonnenuntergang – dann sind weniger Menschen da. Wer bis zur Dunkelheit bleibt, erlebt den Komplex mit der abendlichen Beleuchtung.
Tagsüber reichen 1–1,5 Stunden. Wer sowohl den Tages- als auch den abendlichen Anblick mit Beleuchtung erleben möchte, plant mehr ein und kommt eine bis anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang.
„Lebender König“. Er geht auf die Legende um Kusam ibn Abbas zurück, den Cousin des Propheten Mohammed, der der Überlieferung nach bis heute lebendig in einem tiefen Brunnen auf dem Gelände des Komplexes weilt.
Dies ist ein aktiver Pilgerort, daher bedeckt man besser Schultern und Knie. Frauen sollten ein leichtes Tuch mitnehmen. Einen festen Dresscode am Eingang gibt es nicht, aber zurückhaltende Kleidung ist angebracht.
Fußläufig erreichbar sind der Siab-Basar (ein guter Ort, um lokales Gebäck und Trockenfrüchte zu probieren) und die riesige Bibi-Khanym-Moschee. Diese drei Punkte lassen sich sinnvoll zu einer Route verbinden.
Lohnt sich der Besuch von Shah-i-Zinda?
Von allen Orten in Samarkand ist Shah-i-Zinda der, an den ich am liebsten noch einmal zurückkehren würde, am besten gegen Abend. Tagsüber ist es eine schöne Gasse mit unglaublichen Kacheln. Am Abend aber, mit der Beleuchtung und ohne die Menschenmenge, ist das Gefühl ein anderes. Wenn Sie Samarkand planen, nehmen Sie sich für diesen Ort mehr Zeit, als es auf den ersten Blick scheint.